DAS BLATT | Paula Doepfner

Paula Doepfner, Death Letter Blues, ice, permanent marker on paper, 100 x 50 x 40 cm, 2020

DAS BLATT* | Paula Doepfner 

Paula Doepfner lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Zeichnungen sind Schriften. Konzipiert aus winzigen Texten, verhüllt hinter zerbrochenem Glas oder gefangen in Eis. Ihre neueste, exklusiv für DAS BLATT geschaffene Eisskulptur Death Letter Blues wurde in Zusammenarbeit mit dem Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz im öffentlichen Raum Berlins präsentiert. Das Stehen und Schmelzen dieses sensiblen Werkes symbolisierte Isolation und Vereinsamung. Das langsame Verschwinden des Eisblocks und die gleichzeitige Enthüllung Paulas neuester Zeichnung begann hier, am 26. Juni 2020 um 18 Uhr und wurde von unserem Live-Stream begleitet.

Nachfolgend finden Sie die Dokumentation dieser prozesshaften Arbeit:

O-Ton zu Paula Doepfners Death Letter Blues am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin:

Paula Doepfner, Death Letter Blues, Eis, Permanentmarker auf Papier, 100 x 50 x 40 cm, 2020
Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin

Anlässlich dieser Präsentation schrieb Kristina Schrei (Kuratorin, Hamburger Bahnhof) den nachfolgenden Begleittext:

Paula Doepfner, Death Letter Blues, 2020
I am myself
I am the enemy
Alone…

Diese drei Zeilen finden sich, von Hand geschrieben, auf einem Blatt Papier, in einen langsam schmelzenden Eisblock eingefasst. Es ist die künstlerische Arbeit Death Letter Blues, 2020, der Künstlerin Paula Doepfner, die nun am Rosa-Luxemburg-Platz im Freien aufgestellt ist. Das Zitat stammt aus dem Gedichtband „Déchirures“, 1955, der Dichterin Joyce Mansour (1928-1986), das Paula Doepfner in ihrer künstlerischen Installation bildhauerisch verarbeitet. Mansour wird gewöhnlich der Gruppe der französischen Surrealisten zugeschrieben. Die Dichterin, in England geboren, aus einer jüdisch-ägyptischen Familie stammend und später von Kairo nach Paris gegangen, steht aber für eine ganz eigene Sprachkunst. Sie schreibt aus einer weiblich-selbstbestimmten Perspektive, die Liebe, Gewalt, Tod und Lust vereint. Die drei Zeilen, die Paula Doepfner für ihre Arbeit ausgewählt hat, handeln vom Ich und vom Alleinsein.

Poesie und die künstlerischen Arbeiten von Paula Doepfner haben Vieles gemeinsam. Sie scheinen eine gemeinsame Sprache zu sprechen, die etwas Erzählerisch-Nahbares in sich trägt, aber nie einfach oder eindeutig zu verstehen ist. Dafür ist ihre Sprache zu mannigfaltig und im ständigen Fluss der Veränderung. Doepfner scheint vor allem das Nicht-Permanente, Nicht-Erstarrte, und viel eher das in Form und Bedeutung Fließende zu interessieren. Text ist dabei eines ihrer bevorzugten Materialien, wobei die Textform oft, aber nicht ausschließlich Lyrik sein kann. Wie unterschiedliche Materialien und Stoffe verarbeitet Doepfner auch verschiedenartige Textformen, darunter philosophische und wissenschaftliche Texte, genauso wie Musiksongs. Aber auch das „Istanbul-Protokoll“ der UN zur Investigation und Dokumentation von Folter hat Doepfner schon in einer Arbeitsreihe zu Papier gebracht; in feiner, kleinstmöglicher Schrift mit Hand geschrieben, von der Ferne kaum zu dechiffrieren. Die zersprungenen Glasscheiben anderer Arbeiten wiederum, die Pigmente und getrocknete Blumen so zart einschließen, stammen von Gebäuden aus Berlins Kreuzberg, die zum Austragungsort anti-kapitalistischer Auseinandersetzungen wurden. So wirken Doepfners Arbeiten oft: auf den ersten Blick abstrakt und voller ästhetischer Schönheit. Bei langsamer Annäherung und näherer Betrachtung aber entfaltet sich eine weitere Dimension, die sich auf tragische politische Realitäten bezieht.

Auch in der hier gezeigten Arbeit Death Letter Blues werden Zeit und Vergänglichkeit motivisch aufgerufen. Wie für die Ewigkeit als Skulptur gehauen, ragt der Eisblock am Rosa-Luxemburg-Platz empor. Im Inneren stehen Mansours Zeilen „I am myself. I am the enemy. Alone…“, die ebenfalls zeitentrückt sind. Doch die Arbeit, der Eisblock, wird freilich aus physikalischer Bedingtheit her schmelzen müssen. Es gibt zu keinem Zeitpunkt einen Moment, an dem die Arbeit sich nicht im Prozess der Veränderung befindet. Die Präsenz der Arbeit verändert sich mit dem Schmelzen des Eises, wenn sich der Block als fließendes Wasser in einer metallenen Wanne sammelt und die Textzeilen von der Oberfläche langsam auf den Grund sinken. Diese Vergänglichkeit zuzulassen, explizit zum Inhalt ihrer Kunst zu machen, spricht für Doepfners künstlerische Stärke. Bildsprache, Textsprache und Formsprache fließen bei der Künstlerin ineinander zu einem poetischem Werk. Es ist der Wandel, die Transformation, das Morphen von Gegenwart zu Vergangenheit, die Doepfners Aufmerksamkeit finden. Paula Doepfner hat keine Angst vor dem vergänglichen Kunstwerk. Ihre Arbeiten brauchen keinen Anspruch auf Ewigkeit zu stellen, um ihre Wirkkraft zu entfalten und bei uns, den Betrachterinnen und Betrachtern, noch lange nachzuhallen.
Text: Kristina Schrei

Paula Doepfners Zeichnungen bestehen aus kleinster Schrift auf transparentem Papier. Mit kleinen Buchstaben (Ø 1 mm) schreibt sie Textlinien auf, die zu Schriftbilder werden. Sie sehen aus wie abstrakte Formen, basieren aber auf Skizzen, die sie als Zuschauerin von Hirnoperationen und Obduktionen an der Charité Berlin gemacht hat. Es sind verfremdete Hirnareale und Nervenzellen. Die Textzeilen, die die Linien der Zeichnungen formen, hat sie medizinischen UN-Berichten zur Erfassung und Dokumentation von Folter entnommen.

Paula Doepfner, Baby let me follow you down III, Tusche auf Gampi-Papier, 50 x 43 cm, 2020. Text: Istanbul Protocol
Detail zu: Paula Doepfner, Baby let me follow you down III, Tusche auf Gampi-Papier, 50 x 43 cm, 2020

Paula Doepfner, And shine their emptiness down on my bed, Eis, Stift auf Papier, Pflanze, 100 x 50 x 25 cm, 2017. Foto: Giorgio Benni, artQ13, Rom
Detail zu: Paula Doepfner, And shine their emptiness down on my bed, Eis, Stift auf Papier, Pflanze, 100 x 50 x 25 cm, 2017

„Paula Doepfner went to Rome in the summer of 2016 to concentrate for a whole year on working on one special drawing. YOU and ME (Atemzüge eines Sommertags) [engl. breaths of a summer’s day] is a large-format drawing in ink on Gampi paper, in which letters and sentences float and condense into networks of lines and organic shapes, swirls and clouds. Doepfner has transcribed all of the various drafts of the chapter Breaths of a Summer’s Day from Robert Musil’s novel The Man Without Qualities and wrote them in block letters in a font size of one millimeter onto the paper. Even on the day he died, Musil had been working on the chapter, in which the siblings Ulrich and Agathe sitting in a garden continue their conversation about their utopia — a boundless, ecstatic state based on early Christian mysticism and love. With regard to the drawing’s composition, Doepfner’s work is based on Michelangelo’s famous fresco depicting the Last Judgement, while individual sections go back to sketches of the human brain that Doepfner had previously made at the Charité clinic in Berlin.“
Text: Galerie Thomas Schulte, Berlin

Paula Doepfner, YOU and ME (Atemzüge eines Sommertags), Tusche auf Gampi-Papier, 240 x 229 cm, 2016 – 2017. Entstehungsprozess (Rom, 2017)
Paula Doepfner, YOU and ME (Atemzüge eines Sommertags), Tusche auf Gampi-Papier, Panzerglas, Stahl, 240 x 229 cm, 2016 – 2017. Foto: Stefan Haenel, Galerie Thomas Schulte, Berlin

*DAS BLATT 

Online-Ausstellung zur Zeichnung der Gegenwart mit KünstlerInnen aus dem Rheinland und Berlin.
Mit: Maess Anand, Arno Beck, Paula Doepfner, Sławomir Elsner, Caroline Kryzecki, Ignacio Uriarte
Eröffnung der Online-Ausstellung: 26. Juni 2020, 18 Uhr
Laufzeit: 27. Juni – 31. Juli 2020
Gefördert vom Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf.

Neben einer Präsentation thematisch kuratierter Kunstwerke liegt der Fokus auf ergänzenden intimen und persönlichen Beiträgen der Künstlerinnen und Künstler selbst, sowie Kommentaren und Fremdmaterial einiger ihrer Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter, die eigens für DAS BLATT produziert wurden.